Autistic Pride Day in Leer So fühlt es sich an, ein Autist zu sein

Michael Kierstein
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Von Michael Kierstein
| 22.06.2023 08:56 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Daniel Köhler ist Autist. Foto: Kierstein
Daniel Köhler ist Autist. Foto: Kierstein
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Autismus schränkt im Alltag massiv ein. Darauf will ein Betroffener aufmerksam machen.

Leer - „Ich bin ein hochfunktionaler, frühkindlicher Autist“, sagt Daniel Köhler. Allerdings bekam der Leeraner die Gewissheit erst sehr spät. Vor acht Jahren bekam der heute 55-Jährige die Diagnose, dass er Autist ist.

Was und warum

Darum geht es: Autisten in Leer und Umgebung wünschen sich mehr Sichtbarkeit.

Vor allem interessant für: Alle, die sich für das Thema Autismus interessieren

Deshalb berichten wir: Am 24. Juni wird der Autistic Pride Day in Leer gefeiert

Den Autoren erreichen Sie unter: m.kierstein@zgo.de

Bis dahin war es ein langer Weg, der oft auch steinig war. „Für jeden Autisten ist der Umgang mit Gleichaltrigen ein wechselseitiges Kommunikationsproblem“, sagt er. So kam es immer wieder zu Mobbing und zu Prügeleien. Der eine, der anders war, habe sich anpassen müssen.

Kopieren statt auffallen

„Das heißt auch, Verhaltensmuster zu kopieren. Man sucht sich eine Bezugsperson und kopiert sie. Das bedeutet natürlich viel Stress und kostet Energie“, sagt er. Er habe sich immer einzelne Personen ausgesucht. „Spannenderweise oft die, die mich gemobbt haben“, sagt er. Gerade in den jüngeren Jahren habe er sich aber auch öfter geprügelt. „Ich bin recht schmerzunempfindlich“, sagt er. Das liege ebenfalls am Autismus.

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Erst auf dem Gymnasium habe er gelernt, dass man Konflikte auch verbal lösen kann. Generell sei er gut durch die Schule gekommen. „Der Zivildienst danach war eine Tortur“, erinnert er sich. Er war in einer Einrichtung für Menschen mit Behinderungen eingesetzt. Vor allem die unterschiedlichen Arbeitszeiten hätten ihm zugesetzt. „Ich brauche Struktur und gleichmäßige Arbeitszeiten“, sagt er.

Wende im Studium

Das anschließende Studium brachte einen gravierenden Einschnitt. „Es wurde alles zu viel. Über die Jahre hatte sich viel angestaut. Jeder nicht diagnostizierte Autist hat irgendwann seinen Zusammenbruch“, sagt er. Deshalb habe er sich in ein psychosomatisches Rehazentrum begeben und sein Studium zum Diplom-Mathematiker unterbrochen. Doch Aufgeben war nicht seins. Nach der Behandlung schloss er das Studium ab. Nun hieß es: Was machen?

Die Lösung fand er im Schuldienst. „Der Job ist der beste, den ich haben kann. Es macht wirklich Spaß und, ich hab einen Stundenplan und in gewissem Rahmen die Kontrolle“, sagt er. Dennoch vermeidet er auch heute noch Situationen, die ihm nicht gut tun. „Ich gehe zum Beispiel nicht ins Lehrerzimmer und bin nicht gerne feiern“, sagt er. Das liege daran, dass er Geräusche nicht ausblenden kann. „Ich muss aktiv dagegen arbeiten“, sagt er.

Das Leben heute

In seinem Alltag sei er eingeschränkt. „Einkaufen ist anstrengend wegen der ganzen Geräusche. Das geht nur mit Kopfhörern“, sagt er. Doch es beginne schon bei viel kleineren Sachen: „Telefonieren ist ein Problem. Ich brauche jemanden zum Anschauen und bin ständig am Analysieren.“ Wenn er aber etwas falsch einschätze, könne das problematisch sein. „Ich hab’ zum Beispiel nie mitbekommen, wenn ein Mädchen mit mir geflirtet hat“, erinnert er sich.

In seiner Kindheit habe er aber früh die Chance bekommen, Anpassungsmechanismen zu lernen. Doch bis heute gilt: „Ich brauche Ruhezeiten und Regelmäßigkeiten“, sagt er. Ohne einen Wochenplan, den er sich erstellt, falle es ihm schwer. „Ich muss die Dinge in meinem Kopf immer wieder durchspielen. Mir einfach vorstellen, wie die Gespräche wohl laufen“, sagt er.

Engagement für Autisten

Sein Wissen nutze er, um sich für die Aufklärung über Autismus einzusetzen. So gibt er beispielsweise Seminare für Lehrer. Im Ledatreff in Leer hat er nun auch eine Selbsthilfegruppe organisiert. Die startet am 29. August um 15 Uhr.

Gleichzeitig organisiert er den Autistic-Pride-Day. Der fand vergangenes Jahr in Emden statt. Nun will er in Leer gemeinsam picknicken. „Ich organisiere das aber nicht allein“, sagt er. Insgesamt seien sie zu viert. Am 24. Juni findet das Picknick zum Autistic-Pride-Day am Leeraner Hafen von 14 bis 17 Uhr statt. „Wir wollen damit ein Bewusstsein schaffen“, sagt er. Bewundernswert sei es, was die Queer-Bewegung geschafft habe. Durch viele Aktionen seien sie heute in der Gesellschaft angekommen. Das wünsche er sich auch. „Es geht dabei um Inklusion. Wir wollen Ungleichheiten aufheben“, sagt Köhler. Jeder, der sich eine Decke, etwas zu Essen und zu Trinken mitbringt, ist eingeladen, Teil des Picknicks zu werden. An einem kleinen Stand werden Literatur zum Thema sowie verschiedene Materialien ausliegen.

Zahlen zum Autismus

Autismus kann sich von Mensch zu Mensch ganz unterschiedlich manifestieren. Einige Betroffene haben Schwierigkeiten, soziale Bindungen einzugehen und Gefühle bei anderen richtig einzuschätzen. Andere brauchen im Alltag immer eine ganz bestimmte Routine. Es wird laut dem Umweltbundesamt davon ausgegangen, dass etwa ein Prozent der Weltbevölkerung autistisch ist. Bei Jungen tritt Autismus viermal häufiger auf als bei Mädchen. Folgt man der Statistik, so ist einer von 100 Menschen Autist oder Autistin. Das bedeutet, dass im Landkreis Leer bis zu 2000 autistische Menschen leben.

Vor allem in den USA wurde in den letzten zehn Jahren die Hypothese einer deutlichen Zunahme der Autismusrate in der Bevölkerung vertreten, die allerdings nicht unumstritten ist, so die Behörde. Verantwortlich für die Zunahme könnten nicht nur Umwelt- und Lebensbedingungen sein, sondern auch neue, breiter gefasste Diagnosekriterien und ein gestiegenes Bewusstsein von Eltern und Ärzten.

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