Ostfriesische Landschaft Ein Renoir für alle – vielleicht gibt es bald wieder Kunst zum Ausleihen

Werner Jürgens
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Von Werner Jürgens
| 23.08.2023 05:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Freuen sich über einen erfolgreichen Umzug (von links): Die Chefs der ostfriesischen Sparkassen Oliver Löseke (Aurich-Norden), Carsten Rinne (Leer-Wittmund) und Jens Jann (Emden) sowie Landschaftspräsident Rico Mecklenburg, Landschaftsdirektor Dr. Matthias Stenger und Dr. Welf-Gerrit Ott vom Regionalen Kulturbüro. Foto: Jürgens
Freuen sich über einen erfolgreichen Umzug (von links): Die Chefs der ostfriesischen Sparkassen Oliver Löseke (Aurich-Norden), Carsten Rinne (Leer-Wittmund) und Jens Jann (Emden) sowie Landschaftspräsident Rico Mecklenburg, Landschaftsdirektor Dr. Matthias Stenger und Dr. Welf-Gerrit Ott vom Regionalen Kulturbüro. Foto: Jürgens
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Früher wurden in den Graphotheken in Ostfriesland echte Kunstwerke verliehen – an jedermann. Gibt es bald wieder den Renoir auf Zeit fürs Wohnzimmer?

Aurich - Einen echten Renoir im heimischen Wohnzimmer aufhängen, ohne Unsummen investieren zu müssen – in Ostfriesland war das viele Jahre zumindest für eine gewisse Zeit möglich. Es gab nämlich diverse so genannte Graphotheken, in denen solche und andere Kunstwerke ausgeliehen werden konnten. Deren Bestand wird jetzt gerade nach Sandhorst in das neue Sammlungszentrum der Ostfriesischen Landschaft transportiert. Der umfangreiche Kostümfundus sowie Teilbestände aus der Landschaftsbibliothek und der Archäologie ziehen gleich mit um. Finanziert wird der Umzug von den ostfriesischen Sparkassen.

Die Idee, Kunst gegen eine geringe Leihgebühr für eine breitere Allgemeinheit zugänglich zu machen, erfreute sich vor allem in den 1970er und 1980er Jahren großer Beliebtheit. Die Graphotheken waren für gewöhnlich Bibliotheken angegliedert – so auch in Ostfriesland, wo sie ihre Standorte in Aurich, Leer, Emden, Norden und Wittmund hatten. Jedoch sind dort schon seit geraumer Zeit keine Kunstwerke mehr verliehen worden. Ob das Konzept zukünftig reaktiviert werden soll, steht noch nicht fest. Momentan kümmert sich eine Wissenschaftlerin um die Digitalisierung und Katalogisierung des Repertoires.

Gibt es weitere Schätze?

Allein die Auricher Graphothek verfügt nach Aussage des Leiters der Regionalen Kulturagentur der Landschaft, Dr. Welf-Gerrit Otto, über 942 Kunstwerke – darunter auch Skulpturen und das eingangs erwähnte Original von Renoir. Landschaftsdirektor Dr. Matthias Stenger hält es für durchaus möglich, dass im Verlaufe der Sichtung weitere ähnliche „Schätze“ auftauchen könnten. „Allerdings stammen die meisten Werke aus den 1970er und 1980er Jahren und spiegeln das wider, was nach damaligem Kunstverständnis als modern galt“, erklärt der Landschaftsdirektor einschränkend.

Einfach so verkauft werden dürften die Kunstwerke übrigens nicht. Denn sie sind ursprünglich einmal aus Landesmitteln finanziert worden. Abgesehen davon ist nicht ganz auszuschließen, dass Bilder fehlen, weil sie nicht zurückgebracht wurden. Die Bestände aus Aurich, Emden und Leer sind bereits von einer Emder Umzugsfirma ins Sammlungszentrum verfrachtet worden. Die aus Wittmund und Norden sollen bald folgen.

1000 Kostüme im Fundus

Ebenfalls wohlbehalten in Sandhorst angekommen ist der Kostümfundus der Ostfriesischen Landschaft. Der umfasst immerhin rund 1000 Kleider aus verschiedenen Epochen angefangen vom Mittelalter bis hin zu neueren Zeiten. Auch darunter befinden sich einige Originale wie zum Beispiel Schwimmanzüge aus dem frühen 20. Jahrhundert.

Hauptsächlich sind es aber nach historischen Mustern geschneiderte Kostüme, die zum Teil von der Landesbühne Nord in Wilhelmshaven aussortiert wurden. Genutzt werden sie in erster Linie von Theatergruppen oder Schulklassen, die sich die Kleidungsstücke ihrer Wahl dann ausleihen können. Bisher war der Kostümfundus auf dem Dachboden des Landschaftsgebäudes am Fischteichweg in Aurich untergebracht. Aufgrund der beengten Verhältnisse und des ständigen Wechsels von Hitze und Kälte „wären Schäden langfristig kaum zu vermeiden gewesen“, berichtet Landschaftspräsident Rico Mecklenburg. „Deswegen ist mir ein Stein vom Herzen gefallen, als der Umzug endlich geschafft war.“

Pläne wurden abgespeckt

Von Archäologie und Landschaftsbibliothek sollen lediglich bestimmte Exponate und Bücher nach Sandhorst ausgelagert werden. „Vorwiegend geht es darum, etwas den Druck aus unseren Depots herauszunehmen“, erläutert Landschaftsdirektor Stenger. Das neue Sammlungszentrum wird in der ehemaligen Kleiderkammer der früheren Blücher-Kaserne eingerichtet. Geplant war ursprünglich eine Lagerfläche von 3000 Quadratmetern, die nach Einschätzung der Verantwortlichen eine Perspektive für zehn Jahre bieten würde.

Wegen der rasant gestiegenen Baukosten konnten laut Stenger bis jetzt aber lediglich 65 Prozent davon realisiert werden. „Das bedeutet, spätestens in sieben Jahren werden wir über eine Erweiterung nachdenken müssen“, prognostiziert der Landschaftsdirektor. Insofern dürfte es wohl einiges zu besprechen geben, wenn am 22. September zur offiziellen Einweihung des neuen Sammlungszentrums unter anderem auch der niedersächsische Minister für Wissenschaft und Kultur Falko Mohrs (SPD) nach Ostfriesland kommen wird.

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